Wo Menschen über eiserne Riesen herrschen

Wenn bei der Ravensburger Voith Sulzer GmbH eine Papiermaschine entsteht, ist Zeit sekundär
 
Lautlos setzt sich der gelbe Lastenträger in Bewegung und schwebt wenige Meter über den Köpfen der Beschäftigten auf seinen Ruheplatz zu. Bedrohend selbständig wirkt er, wie er sich über die gesamte Decke spannt und immer näher kommt. Hinter einer undurchsichtigen Trennwand taucht ein Mann zu Fuß auf: in Bauchhöhe ein kleines viereckiges Kästchen, die Fernbedienung. Souverän bringt er den Metallkoloss an genau der richtigen Stelle zum Stehen und nimmt das dicke, schwarz ummantelte Lastenseil ab. Mittagspause.

Überall auf dem Ravensburger Werksgelände der Voith Sulzer GmbH gehören diese Metallkolosse dazu. Es sind nicht die einzigen Giganten. Der Schweißdrehtisch misst drei Meter fünfzig im Durchmesser und ist in drei Ebenen drehbar, damit alle Schweißnähte optimal angebracht werden können. Die "Kleinteile" Lackierstrasse nimmt bis zu 1800 Einzelteile auf, jeweils bis zu maximal zwei Tonnen Gewicht und einer Abmessung von ein mal zwei Meter. Das eigentlich gigantische aber ist das Endprodukt, die Papiermaschine selbst.

Bis zu drei Jahre vergehen von der ersten Kontaktaufnahme eines potentiellen Kunden bis zum Vertragsabschluss, bis zu neun Monate dauert die Herstellung einer einzigen Papiermaschine, und bis zu einer Milliarde Mark kostet eine komplette Strasse zur Herstellung von Papier. Wen wunderts, dass da die Kaufentscheidung schon mal länger dauern kann.
 
Vom Chaos zur Insel
Die Produktionshallen des weltweit agierenden Maschinenbau-Unternehmens wirken großzügig und hell. Die sich bewegenden Anlagen und Bestandteile sind in kräftigem Gelb gehalten, die tragenden Stahlkonstruktionen der Hallen in Türkis, Motoren, Türen und Leitungen in Königsblau und die Wände sind weiß gestrichen. Vereinzelt sind zwischen Maschinen, halbfertigen Rotoren und Trennwänden Männer zu sehen. Frauen scheint es in den Produktionshallen nicht zu geben, es gibt keine Damentoiletten. Aus einer Ecke ertönt ein helles Hämmern von Metall auf Metall, aus einer anderen summt sonor ein hochdrehender Motor. Über allem liegt ein permanenter Mix von Geräuschen. "1994 sind wir vom chaotischen zum linearen Fertigungsprinzip umgestiegen". Karl Michael Tessner, der Produktionsleiter, versucht den Geräuschpegel zu übertönen. Chaotisch meint dabei nicht wirklich chaotisch, sondern ist der Fachbegriff für ein Fertigungsprinzip, bei dem an einem Arbeitsplatz baugleiche Teile hergestellt werden, unabhängig davon, ob sie im Endprodukt zusammengehören oder nicht. Die lineare Produktion dagegen findet auf sogenannten Fertigungsinseln statt, auf denen Teile, die zusammengehören, auch zusammen hergestellt werden. Der Produktionsleiter scheint sich seinem Gesichtsausdruck nach an nicht ganz einfache Zeiten zu erinnern: "Das hat einiges an Umstrukturierung, Umbaumaßnahmen und auch an Umdenken erfordert. Aus heutiger Sicht hat es sich aber unbedingt gelohnt." Ralf Schneider von der Werkzeugmacherei fasst die Auswirkungen auf die Arbeitnehmer zusammen: "Jeder einzelne muss jetzt genauer arbeiten und hat viel mehr Verantwortung."

Verantwortung und Vertrauen sind die Leitlinien des Personalkonzepts von Voith Sulzer. So hat Produktionsleiter Tessner die Entlohnung in der Produktion von Akkord- auf Zeitlohn umgestellt; damit Arbeiter und Angestellte endlich gleich behandelt werden. "Wir müssen den Mitarbeitern viel mehr zutrauen als misstrauen", erläutert er lebhaft. "Akkord ist doch ein ständiges Misstrauen dem Leistungswillen unserer Mitarbeiter gegenüber." Doch von Vertrauen ganz ohne Kontrolle hält er auch nichts. Da in den Fertigungsinseln immer Teams arbeiten, ziehe dabei der Stärkere den Schwächeren mit. Soziale Kontrolle also.

Die tragende Säule des Unternehmens ist für Geschäftsführer Adolf Lang die Orientierung am Kunden: "Der Kunde zahlt mit seinem Auftrag unser ganzes Unternehmen. Wenn der nicht mehr bereit ist, den entsprechenden Preis zu zahlen, geht es uns schlecht." Deshalb wird bei Voith Sulzer fast ausschließlich in Einzelanfertigung gearbeitet und auf jeden Kunden individuell eingegangen. Häufig gehen einem Auftrag Versuche in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung voraus, die mit Tagessätzen von bis zu 30.000 Mark vom Kunden bezahlt werden. Auf Grundlage dieser Versuche entwickeln die Ingenieure und Techniker dann eine Papiermaschine, welche die Anforderungen des Kunden optimal erfüllt.
Auftraggeber für Voith Sulzer sind die großen Papierhersteller weltweit. So wurde dieses Jahr eine Anlage beim Papierwerk Haindl in Schongau/Oberbauern vom Ravensburger Werk aufgebaut, im Jahr zuvor gingen drei Anlagen nach China.
 
Auftragsbücher gefüllt
Das Konzept der Geschäftsführung scheint aufzugehen. Die Auftragsbücher sind dieses Jahr so gut gefüllt, dass nach den Sommerferien die Belegschaft aufgestockt werden muss. Das ist für Geschäftsführer Lang durchaus Grund zur Freude. Allerdings fürchtet er sich davor, die Belegschaft irgendwann auch wieder abbauen zu müssen. "Dreimal musste ich in meiner bisherigen Laufbahn die Belegschaft abbauen. Das sind die schlimmsten Zeiten für mich. Dann verkrieche ich mich am liebsten in einem dunklen Zimmer und möchte gar nicht mehr herauskommen." Dazu besteht erst mal aber kein Anlass. Mit 2 Milliarden Mark Umsatz im letzten Jahr liegt Voith Sulzer zwar um 0,5 Milliarden unter dem einzigen direkten Konkurrenten, dem finnischen Konzern Valmet. Dafür hat Voith Sulzer mit einer Produktionsgeschwindigkeit von 1811 Metern Papier in der Minute einen bisher ungeschlagenen Weltrekord aufgestellt.

Die letzten Prozentpunkte seien immer am schwierigsten aufzuholen. Die jetzige Spitzenposition bei der Aufbereitung von Altpapier und die prognostizierte Nachfrage nach noch mehr Altpapier in der Papierherstellung stimmen die Führungsmannschaft zuversichtlich. Die Herausforderung wird angenommen.
 
Sigrid Leger

(veröffentlicht am 24.08.00 im Südkurier, Ressort Wirtschaft)