Ravensburg-Weingarten. Die ersten 145 Entscheidungen der Diagnose-Software LEXMED stimmen die Fachhochschule und das Krankenhaus "14 Nothelfer" positiv. Seit Juni läuft der erste Klinikversuch des gemeinsam entwickelten Programms zur Diagnose von Blinddarmentzündungen, in dieser Zeit senkte die Software die Quote überflüssiger Operationen von in Fachkreisen geschätzten 15 Prozent auf 12. Geplant ist, in einem weiteren Projekt das Programm auf die Diagnose von allgemeinen Bauchkrankheiten zu erweitern.
Die Diagnose von Appendizitis, der Blinddarmentzündung, ist erstaunlich schwierig und mit hohen Fehlerquoten behaftet. Das liegt daran, dass eine Vielzahl von Symptomen zur Diagnose herangezogen werden müssen, die jedoch nie hundertprozentig eindeutig sind und sich auch noch gegenseitig beeinflussen. Ein Hausarzt überweist deshalb einen Patienten mit Verdacht auf Blinddarmentzündung fast immer in das Krankenhaus - eine nicht erkannte oder gar perforierte Appendizitis (Blinddarm-Durchbruch) ist eine lebensgefährliche Krankheit. Anlass genug für Dr. Rampf, den Chefarzt der Chirurgie im Städtischen Krankenhaus Weingarten, sich 1997 mit dieser Problematik an die Fachhochschule zu wenden.
Dem daraus entwickelten Programm LEXMED von Professor Wolfgang Ertel und Dr. Manfred Schramm liegen zwei Bausteine zugrunde. Erstens eine Datenbank der Landesärztekammer von 1995 mit den Daten von 15.000 Blinddarm-Patienten aus Baden-Württemberg. Zweitens ein Erfahrungswissen von mehreren Experten, welches manuell in die Datenbank mit eingebunden wurde. Aus beidem wurde eine Regelbasis mit insgesamt 400 Regeln erarbeitet, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zutreffen und von denen manche gegenseitige Abhängigkeiten besitzen. Ein Beispiel ohne Abhängigkeit: Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem entzündeten Blinddarm die Zahl der Leukozyten größer 10.000 ist, beträgt 70 Prozent.
Nach der Untersuchung eines Patienten ruft der Arzt per Internet (www.lexmed.de) die Software auf und trägt die Untersuchungsergebnisse in ein Formular mit 14 Fragen ein. Ein letzter Klick, und innerhalb von zwei Sekunden liefert LEXMED eine Diagnose. Diese basiert auf einer komplexen Statistik, die in einem ersten Schritt Regelwerk und individuelle Untersuchungsergebnisse miteinander verknüpft und Wahrscheinlichkeiten für die fünf möglichen Therapien ausspuckt: Operation, Not-Operation, stationär beobachten, ambulant beobachten und sonstige Krankheit. Im zweiten Schritt werden diese Wahrscheinlichkeiten über eine Matrix anhand der Verhältnisse der Kosten einer Fehlentscheidung gewichtet. Dadurch werden für jede mögliche Therapie gemittelte Fehlerkosten errechnet. Die Therapie mit den geringsten Fehlerkosten wird als Diagnosevorschlag angezeigt.
Die bisherige Testreihe am Krankenhaus "14 Nothelfer" wird fortgesetzt, parallel dazu läuft an der Uniklinik Marburg ein Blindversuch. LEXMED ist gegenüber bisherigen Programmen zur Unterstützung medizinischer Diagnosen eine bedeutende Weiterentwicklung, weil letztere gegenseitige Abhängigkeiten nicht berücksichtigen konnten. Dennoch wird es nie die Fähigkeiten erfahrener Chefärzte ersetzen können, deren Fehldiagnosen bei Appendizitis bei fünf Prozent (LEXMED: 12 Prozent) liegen. Die Software ist in erster Linie für Aufnahmeambulanzen in Kliniken und für niedergelassene Ärzte gedacht. Da das medizinische Wissen der Regeln leicht dargestellt werden kann, bietet sie außerdem die modernste Möglichkeit zur Vernetzung zwischen Klinik und niedergelassenem Arzt. Aber nicht nur medizinische Anwendungen sind mit diesem Diagnoseprogramm möglich. Ab Herbst wird die Software - mit anderen Regeln - in der Schweiz zur Lawinendiagnose eingesetzt werden. |