Im vierten Versuch das "Höllengerät" geschafft


Sicherheitstraining: Auch Behinderte können ihre Fahrtechnik optimieren

Saalfelden, Österreich (leg). Die hohen Felswände im Osten der Trainingsstrecke beginnen sich zu drehen, schlagartig rast der Pulsschlag. "Fest auf der Bremse bleiben, bis zum absoluten Stillstand", krächzt die Männerstimme aus dem Funkgerät. Mit aller Kraft presst der Fuß das Bremspedal nach unten, die rechte Hand krallt sich am Lenkrad fest. Schneller und schneller scheint die Drehung zu werden, bis ein Rad von der gummiartigen gelblichen Gleitfläche abkommt und das Fahrzeug abrupt auf dem Asphalt abgebremst wird. Stillstand - entgegen der Fahrtrichtung, etwa fünf Meter abseits der Fahrbahnmitte. Fahrsicherheitstraining, das beruhigende Wort dringt allmählich und dumpf ins Bewußtsein. "Und die Strecke freimachen", meldet sich der Trainer aufmunternd über Funk. "Wer sich nicht dreht, ist nicht an seine Grenzen gegangen."
Dass Autofahrer ihre eigenen Grenzen so gut wie die ihres Fahrzeugs kennen sollten, zeigt sich beim Gefahrentraining des ÖAMTC in Saalfelden, Österreich, schnell. Zu hohe Geschwindigkeiten für die unterschiedlichen Strassenverhältnisse, zu späte Reaktion, zu heftige Lenkbewegungen, das sind die typischen Anfangsfehler dieser Gruppe: zwei Frauen, sechs Männer.

Zu schnell bleibt zu schnell

Aber es zeigt sich auch, dass mit etwas Übung unter Anleitung der Fahrtrainer diese Fehler beherrschbar werden. Zumindest in gewissen Limits: Zu schnell bleibt auch mit noch so viel Übung einfach zu schnell. Da aber die Teilnehmer mit ihren eigenen Fahrzeugen trainieren, kann sich jeder an sein individuelles Limit heran tasten. Und dass zwei Hände am Lenkrad nicht zwangsläufig schneller oder ruhiger reagieren wie eine, gibt Mut. Großzügige Auslaufflächen minimieren hier in Saalfelden das Risiko eines Schadens gegen Null, jeder Fahrer ist permanent per Funk mit dem Trainer verbunden. Da die Fahrpisten bewässert sind, entsteht kein meßbarer Reifenverschleiß.
Auf dem Parcours ist jetzt Vollbremsung auf einer rutschigen, schneeähnlichen Kunststoffpiste angesagt. Wie verlängert sich der Bremsweg bei doppelter Geschwindigkeit? In der langsamen Fahrt mit 25 km/h kommt der blaue Boxster nach 14 Metern zum Stehen. Was nicht gerade wenig ist unter der Prämisse "ein Kind läuft auf die Strasse - Vollbremsung". Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h verlängert sich der Bremsweg jedoch auf ganze 56 Meter.
Das für jede Art Fahrzeuge offene Sicherheitstraining ist in mehrere Phasen unterteilt, die jeweils mit einem Theorieteil beginnen. Da bei fast allen die Fahrschulzeit einige Jahre zurückliegt, kein Fehler. Zuerst geht es um die richtige Sitzposition. Der Autositz wird so lange verschoben, bis auch bei voll durchgetretenem Bremspedal der Bremsfuß im Knie immer noch leicht abgewinkelt ist. Ist er bei einem Aufprall nämlich voll durchgestreckt, so ist das Risiko einer Verletzung in Knie und Hüfte ungleich größer, da das Bein nicht mehr abfedern kann.
Dann die Rückenlehne so einstellen, dass die senkrecht ausgestreckten Arme mit dem Handgelenk auf dem Lenkrad oben aufliegen. Wird das Lenkrad dann in der Uhrzeigerstellung ‚Viertel vor Drei' gehalten, so sind optimale Lenkausschläge nach rechts und links möglich. Und bei einer Hand? Dank der direkten Lenkung des Boxster sind mit einer halben Lenkraddrehung die meisten Kurven abgedeckt. Der Drehknopf am Lenkrad, der die freie Kurvenfahrt mit einer Hand erst ermöglicht, ist oben rechts angebracht. Ungefähr bei Zwei, stellt man sich das Lenkrad als Zifferblatt vor. Damit sind ohne große Kraftanstrengung volle Lenkausschläge nach links wie nach rechts möglich.

Der Drehknopf hilft

Und bei einer Hand? Dank der direkten Lenkung des Boxster sind mit einer halben Lenkraddrehung die meisten Kurven abgedeckt. Der Drehknopf am Lenkrad, der die freie Kurvenfahrt mit einer Hand erst ermöglicht, ist oben rechts angebracht. Ungefähr bei Zwei, stellt man sich das Lenkrad als Zifferblatt vor. Damit sind ohne große Kraftanstrengung volle Lenkausschläge nach links wie nach rechts möglich.
Höhepunkt des Trainings ist nach dem Kurvendriften und dem Bergabwärtsbremsen mit Hindernis zum Ausweichen zweifellos die Schleuderplatte - "unser Höllengerät", wie Trainer Peter die Teilnehmer darauf vorbereitet. Das Höllengerät ist eine Metallplatte, die am Anfang einer Gleitfläche in den Boden eingelassen ist. Sie ist mit mindestens 30, höchstens 40 km/h zu befahren. Und sie versetzt dem Fahrzeug im letzten Moment einen Drall auf die Hinterachse, per Zufall nach rechts oder links.
Ziel ist es, das Auto durch rasches und feinfühliges Gegenlenken am Ausbrechen zu hindern. Was bei den ersten Versuchen mit knapp 40 km/h gründlich daneben geht. Sofort bricht das Heck aus und ist nicht mehr in Griff zu bekommen. Da hilft nur noch eine Vollbremsung. "Aber Vorsicht", warnt Peter. "Erst bremsen, wenn der Wagen wirklich anfängt, sich zu drehen. Bremst du vorher, dann hast du deine Chance vertan, dein Auto abzufangen. Wenn du aber bremsen musst, dann zuerst kuppeln und dann voll auf die Bremse, bis du stehst. Ansonsten schießt der Wagen in irgendeine Richtung davon."
Gut, bei Automatik-Fahrzeugen ist kein Kuppeln nötig. Also noch einmal tief Luft geholt und los geht's, der vierte Versuch. 34 km/h zeigt der Tacho an. Und dann will das Heck rechts ausbrechen. Sofort dagegen lenken, jetzt kommt das Heck links. Aber dieses Mal werden die Schleuderbewegungen allmählich kleiner, der Wagen bleibt tatsächlich in der Spur. Plötzlich schießt in zehn Meter Entfernung eine Wasserfontäne in die Höhe. Ruhig und mit minimalen Bewegungen lenkt die eine Hand den Boxster nach links, das Hindernis ist umfahren. Und dann bricht triumphierende Freude durch: geschafft.
 
Sigrid Leger

(veröffentlicht am 01.12.01 in der Südwest Presse, Auto und Verkehr)