Pfaffenhofen (lsi) Mit 23 erfuhr Thomas Böß, dass er HIV-positiv ist. Drei Jahre später hatte er mit seinem Leben abgeschlossen. Doch sein Selbstmordversuch misslang. Heute, rund 12 Jahre nach seinem positiven Aidstest, sieht man dem Augsburger nicht auf den ersten Blick an, durch welche Tiefen er gegangen ist und was ihm noch bevorsteht. "Sie können mich alles fragen!", gestand er mutig den 70 Besuchern des Aids-Informationsabends im Katholischen Pfarrheim in Pfaffenhofen zu.
Um Aids ist es ruhig geworden in den Medien. Doch Entwarnung kann nicht gegeben werden, die Spitze des Berges ist noch lange nicht erreicht. "Es gibt nur eine Risikogruppe", hält Thomas Böß denen vor, die sich in Sicherheit wiegen: "Alle." Seit Ausbruch der Krankheit in den 80er Jahren haben sich in der Bundesrepublik 60000 Menschen mit HIV infiziert. Aktuell leben etwa 38000 Menschen mit dem Virus, 30000 Männer und 8000 Frauen. Im Jahr 2001 infizierten sich immerhin 2000 Menschen neu mit dem HIV-Virus, berichtete Dr. Herbert Engelhardt vom Gesundheitsamt Pfaffenhofen. Die allermeisten davon sind Infektionen, die durch den Gebrauch von Kondomen vermeidbar gewesen wären. "Das Todesurteil", sagt Thomas Böß zum positiven Ergebnis des Aids-Tests.
Holz zu teuer für Särge
Wissenschaftler rechnen inzwischen mit 15 bis 25 Jahren von der Infektion mit HIV-Viren bis zum Ausbruch der Krankheit Aids. Allerdings gilt diese Zahl nur für die reichen Industrieländer. In den Entwicklungsländern, wo 95 Prozent der Infizierten leben, sind es fünf bis sieben Jahre. In Namibia, einem Schwerpunktland der Diözese Augsburg, schätzt Aids-Seelsorger Pfarrer Claus Pfuff die Durchseuchungsrate auf mittlerweile 25 Prozent. In Katutura, einem Vorort der Hauptstadt Windhoek, in dem fast nur Schwarze leben, wird davon ausgegangen, dass jeder Dritte das Virus in sich trägt.
Das von missio unterstützte Aidszentrum in Katutura ist bei der Sargproduktion inzwischen von Holz auf Papiermaché umgestiegen. Holz ist knapp und teuer, die meisten Kranken können sich einen Sarg aus Holz nicht leisten. Der Samstag als traditioneller Bestattungstag reicht alleine mittlerweile nicht mehr aus. Auch an Wochentagen müssen jetzt Begräbnisse stattfinden.
Weltweit sind seit Ausbruch der Krankeit 25 Millionen Menschen an Aids gestorben. Zahlen sind Zahlen, und vielleicht bekannt. Doch was ist mit den Schicksalen, die hinter diesen Zahlen stehen? Denen will Seelsorger Claus Pfuff, der eng mit Thomas Böß zusammenarbeitet, ein Gesicht geben: "Begegnungen mit konkreten Menschen verändern." Die Perspektive für Infizierte malt Böß schwarz in grau, und das weltweit: Von der Familie rausgeworfen, vom Freundeskreis nach und nach verlassen. Durch hysterische Ängste und Unwissenheit der anderen einem Kesseltreiben ausgesetzt.
Sorglos ist gefährlich
"Ich selbst habe ein Riesenglück gehabt", sagt Böß über sein soziales Umfeld. Seine Familie habe absolut zu ihm gestanden, obwohl es vorher große Probleme wegen seiner Homosexualität gab. Selbst Tanten und Großeltern hätten zu ihm gehalten. Allerdings hat er sich auch nicht versteckt. Die schlechteste Erfahrung hat er mit einem Zahnarzt gemacht, bei dem er notfallmäßig einen Weisheitszahn ziehen lassen musste. Ohne jeglichen hygienischen Schutz hat der in seinem Mund gewerkelt und schließlich kommentiert: "Aids werden Sie schon nicht haben."
Zukunft durch Schulbesuch
Der Zusammenhang zwischen Aids und Armut im südlichen Afrika ist frappierend. Immer mehr Kinder verlieren ihre Eltern an die Krankheit, werden entweder von den Großeltern aufgefangen oder sind sich selbst überlassen. Aids-Seelsorger Claus Pfuff unterstützt deshalb bei Vorträgen an Schulen oder bei Gottesdiensten die Aktion "1000 Kinder zurück in die Schule". Mit dem Verkauf von Halbedelsteinen aus den namibischen Wüsten soll 1000 Aids-Waisen der Schulbesuch und damit eine Zukunft ermöglicht werden. 0,50 Euro kostet ein Schulessen pro Tag. Dazu kommen etwa 30 Euro Schulgebühr und 100 Euro Schulmaterial und Uniform pro Kind und Jahr.
30000 Euro konnten über diese Aktion inzwischen von der Diözese Augsburg nach Namibia überwiesen werden, für gut 100 Aids-Waisen ist damit der Schulbesuch sichergestellt. Die bunten Halbedelsteine fanden denn auch guten Absatz unter den Besuchern. Wer diese Aktionsidee aufgreifen möchte, kann unter Tel. 08249/968513 oder www.edelsteinaktion.de weitere Informationen erhalten.
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