"Wir sind keine heile Welt, sondern ganz normale Nachbarn." So beschreibt Eva-Maria Hofmann das Verhältnis zu ihren 71 Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern in der Wohnanlage Gänsbühl mitten in Ravensburg. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn die 53-jährige Lektorin wohnt ganz un-normal unter einem Dach mit Jungen und Alten: Müttern mit ihren Kindern, alleinstehenden Senioren, Patchwork-Familien, Ausländern, einer Studenten-WG. Doch es geht ihnen um mehr als nur gemeinsames Wohnen.
Die berufstätige Frau mit den kurzen, grauen Haaren zog 2001 als Mieterin in ihre Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Gänsbühl ein. Zehn Tage später wurde sie zur Beirätin gewählt, als eine von insgesamt vier. "Das spricht für sie", begeistert sich Ilse Kuhlmann, die vor sechs Jahren als Erste überhaupt in die Wohnanlage eigezogen war. Inzwischen braucht die 69-Jährige einen Gehwagen für den Weg ins Einkaufszentrum um die Ecke. Ihren Posten als Beirätin gibt sie deshalb ab: "Jetzt sollen ruhig die Jüngeren dran.".
Die Wohnbeiräte sind ein wichtiger Bestandteil des neuen Konzepts: Als erste Anlaufstelle für die Bewohner koordinieren sie die ehrenamtlichen Workshops und Initiativen der Mieter und Eigentümer. Sie bestimmen auch mit, wer in die "Lebensräume für Jung und Alt" der Stiftung Liebenau einziehen darf und wer nicht.
Zusammen mit Susanne Weiss, der hauptamtlichen Betreuerin der Anlage, suchen sie aus, welche Nachbarn sich sinnvoll ergänzen könnten. Die mobile Seniorin könnte der jungen Mutter nebenan als Babysitterin aushelfen. Beim täglichen Einkauf könnte eine Familie den Einkauf für die gehbehinderte Frau von nebenan gleich mit erledigen. "Vor kurzem haben wir zwei alleinerziehende Mütter nebeneinander gesetzt, was wir sonst nicht tun", erzählt die Soziologin Weiss. "Die beiden haben sich zum Glück angefreundet und helfen sich jetzt gegenseitig aus."
Wer neu einzieht entscheidet, ob und welche Hilfe er anbieten möchte. Die Liste reicht vom Blumen gießen über gemeinsame Zeitungsabos bis hin zum Auto, das geteilt wird. Bei so viel Nähe muss es Raum für Rückzug geben. "Wenn ich will, mache ich eben meine Wohnungstüre zu", erklärt Ilse Kuhlmann.
Und wenn Eva-Maria Hofmann nach der Arbeit ihre Ruhe haben möchte, nimmt sie den Aufzug, der direkt neben ihrer Wohnungstüre hält. "Über die Treppe brauche ich sonst schon mal 50 Minuten, weil es überall was zu bequatschen gibt."
Aus Initiativen der Bewohner sind inzwischen 27 Hilfs- und Freizeitangebote entstanden: ein Kindertreff, Selbsthilfe für depressive Menschen, Gymnastik und Yoga. Am gemeinsamen Mittagstisch kann essen, wer selbst nicht mehr kochen kann. Dia-Abende, Ausflüge mit dem Kleinbus, Bastel- und Gesprächskreise runden das Angebot ab, das monatlich 1200 Leute anzieht.
"Zwei Drittel davon sind inzwischen Externe. Das zeigt, dass nicht nur unsere Gemeinschaft, sondern auch die Kommune selbst von diesem Konzept profitiert", ist Soziologin Weiss überzeugt.
Dass solch ein Zusammenleben nicht reibungslos funktioniert, ist für die Gemeinwesenarbeiterin selbstverständlich. "Drecksarbeit" wie etwa Putzen darf nur gegen Bezahlung gemacht werden, so die hausinterne Regel. Damit die Hilfe nicht missbraucht werden kann.
Kritisch wird es zwischen Jung und Alt immer im September, wenn die neuen Kinder in den Kindergarten kommen. Dann gibt es viel Neues und Aufregendes für die Kleinsten, es ist lauter als sonst. "Die alten Hexen haben schon wieder was zu meckern", beschweren sich die Kinder, wenn Ältere das Geschrei nervt. Konflikte werden aber auch als Chance gesehen. Denn seit die Senioren einmal im Monat selber einen Tag im Kindergarten erleben, ist mehr Verständnis füreinander gewachsen.
Als Wohnform sind den "Lebensräumen für Jung und Alt" gewisse Grenzen gesteckt. Nicht alles kann aufgefangen werden. So musste eine alkoholabhängige Frau gehen, weil sie wiederholt zuschlug. Allerdings leben in Gänsbühl auch sechs Menschen, die alleine nicht zurecht kämen. Sie leiden unter Verfolgungswahn oder quälen sich mit Selbstmordgedanken.
"Wir haben eine an multipler Sklerose erkrankte Frau, die von drei Bewohnern gepflegt wird. Damit ist unsere Kapazität aber auch erschöpft", erklärt Weiss. Brauchen Bewohner mehr Hilfe, so erhalten sie einen bevorzugten Platz in einem der Pflegeheime der Stiftung Liebenau.
Noch arbeitet das Wohnkonzept defizitär und muss mit monatlich 41 Euro pro Bewohner bezuschusst werden. Aber die Nachfrage ist groß. Alleine in Ravensburg gibt es 100 feste Interessenten, alle 44 Wohnungen sind seit langem verkauft. Insgesamt 17 Wohnanlagen bieten in Oberschwaben und dem bayerischen Allgäu Lebensräume nach diesem Konzept an.
Eva-Maria Hofmann wollte vom Land in die Stadt, um im Alter näher an Ärzten, Geschäften und Freizeitmöglichkeiten zu sein. Selbst ihr größter Wunsch ist dabei in Erfüllung gegangen: ein Baum vor dem Fenster.
|