Pfaffenhofen. "Ein Nebeneinander von Gentechnik und gentechnik-freien Zonen wird es nicht geben. Weder innerhalb der konventionellen Landwirtschaft noch gegenüber dem Bioanbau." Davon ist Ökobauer Helmut Riedl überzeugt. Seit über 25 Jahren baut der Rohrbacher Landwirt sein Getreide biologisch an. Durch den Entwurf des Gentechnikgesetzes von Agrarministerin Renate Künast sieht er nicht nur seine Existenz bedroht, sondern die aller Bauern, die gentechnik-frei produzieren möchten.
Werden nur 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen mit genmanipulierten Pflanzen bebaut, so sei laut einer EU-Studie die unkontrollierte Verbreitung dieser Gene nicht mehr zu stoppen, begründet Riedl seine Befürchtungen. Von den vorgeschriebenen Mindestabständen, mit denen die Verbreitung verhindert werden soll, hält er deshalb nichts.
Gingen Wissenschaftler bislang davon aus, dass die Pollen genveränderter Pflanzen nur geringe Distanzen überwinden können, zeigte eine englische Studie aus dem Oktober 2003 eine andere Realität: Bei Raps wurden Bestäubungen mit transgenem Pollen noch in 26 Kilometer Entfernung festgestellt. Aber auch bei Mais wurden Einkreuzungen immerhin noch in 650 Meter Entfernung vom Genfeld verzeichnet.
Das Gesetz würde nach Ansicht des Ökobauern und ÖDP-Kreisrates Fakten schaffen, die dann eh nicht mehr zu ändern wären. Riedl spricht deshalb von einer "schleichenden Einführung" der Gentechnik auf diesem Wege, und das durch eine grüne Ministerin.
Warum so viel Geld in eine Hochtechnologie gesteckt wird, die die Bauern eigentlich gar nicht wollen, beantwortet Riedl so: "Die Großen wollen die Kleinen verdrängen." Gerade in der kleinstrukturierten bayerischen Landwirtschaft werde die Abhängigkeit zu den großen Saatgutanbietern und Chemiekonzernen steigen, denn gentechnisch verändertes Saatgut kann kein Bauer mehr selbst nachziehen.
Kritik an dem Gesetztesentwurf übt auch der Bayerische Bauernverband (BBV), weil seiner Ansicht nach die Haftung nicht ausreichend geregelt ist. Eine wahre Prozesslawine sieht der oberbayerische BBV-Bezirkspräsident, Kreisobmann und Landtagsabgeordnete Max Weichenrieder (CSU) auf die Bauern untereinander zurollen. Vor allem die Landwirte, die Gentechnik-Versuchsfelder anlegen, stünden ohne Schutz da. Habe ein Nachbarlandwirt mal einen schlechten Ertrag, so müsse der nur die Schuld diesem Genfeld zuschieben, schon sei der Ärger untereinander vorprogrammiert.
Weichenrieder fordert die Bauernschaft deshalb auf, freiwillig und zunächst auf ein Jahr beschränkt so genannte gentechnik-freie Zonen zu errichten und auf den Bezug von gentechnik-freiem Saatgut zu bestehen. Generell jedoch ist der Landtagsabgeordnete von den Vorteilen der grünen Gentechnik überzeugt. Gerade in der Region bringe der so genannte Bt-Mais auch noch Vorteile für den Hopfenbau. Weil sich im gentechnisch veränderten Bt-Mais der Maiszünsler nicht mehr weiterentwickeln könne, fände auch keine Ausbreitung mehr auf den Hopfen statt. Seit zwei Jahren verbreitet sich der Maiszünsler, ein Kleinschmetterling, zunehmend im Hopfen und verursacht dort zwischen 20 und 40 Prozent Minderertrag.
Eine Koexistenz zwischen gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen und "normalen" Pflanzen hält Weichenrieder für durchaus möglich. Wichtig ist seiner Ansicht nach, dass vor allem die Saatguterzeuger mit ausreichend Sicherheitsabstand arbeiten. Für die Ökolandwirte könnte es jedoch schwierig werden, gibt er zu, da diese nach der EU-Gesetzgebung verpflichtet sind, komplett gentechnik-frei zu produzieren.
Der BBV-Funktionär kann sich allerdings nur schwer vorstellen, dass gv-Lebensmittel Schäden beim Menschen anrichten können: "Bei weltweit 60 Millionen Hektar gv-Fläche sind noch nirgends Schäden bekannt geworden." Er rechnet damit, dass maximal 10 Prozent der Verbraucher dauerhaft gentechnik-freie Lebensmittel kaufen möchten.
Das sieht Franz Kaindl, Kreisvorsitzender des Imkerverbandes und stellvertretender Bezirksvorsitzender anders: "Man weiß inzwischen, dass etwa 80 Prozent der Bauern und 75 Prozent der Verbraucher gegen genmanipulierte Lebensmittel sind." Deshalb macht sich in Bayern heftiger Widerstand unter den Imkern gegen das neue Gentechnikgesetz breit. "Wir wollen nicht zwischen die Fronten geraten und beschuldigt werden, dass unsere Bienen gentechnisch veränderten Pollen übertragen haben," erklärt Kaindl.
Er fordert deshalb eine detaillierte Abklärung der Haftungsfragen und eine Umkehr der Beweislast: "Bis jetzt müssen wir Bienenhalter beweisen, dass unsere Bienen den Pollen nicht übertragen haben." Zwingend erforderlich ist für den Imker die öffentliche Bekanntgabe von Gentechnik-Feldern, damit für die Bienen entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden können. Denn Imkerhonig soll gentechnik-frei sein.
Mit der Novellierung des Gentechnikgesetzes wird auch eine entsprechende Kennzeichnung Pflicht werden. Der Schwellenwert liegt bei 0,9 Prozent Anteil je Zutat. "Doch schon heute finden wir in vielen Lebensmitteln Gentechnik, wir wissen es nur nicht", sagt Anke Kutsch, ÖDP-Mitglied aus Rohrbach. Rund 75 Prozent Soja und Mais aus USA sind inzwischen genmanipuliert. Spuren von gv-Mais finden sich in Glucosesirup, Karamel, Traubenzucker und Zuckeraustauschstoffen, gv-Soja in Lecithin, Vitamin E und Aromen. Für die Biologin gibt es deshalb praktisch keine gentechnik-freie Schokolade mehr.
Sie fordert eine intensive und unvoreingenommene Forschung über mögliche Langzeitwirkungen von Genfood: "Was man nicht sucht, kann man nicht finden." Dass das so genannte Bt-Gen vom Futtermais inzwischen auch im Muskelfleisch von Hähnchen gefunden wurde, zeigt für sie den dringenden Forschungsbedarf: "Damit nicht Fakten geschaffen werden, die uns Menschen am Ende mehr schaden als nutzen."
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